Ein Schulprojekt, das Schule machen sollte
Anja Melzig, Praktikantin in der Öffentlichkeitsarbeit (Oktober 2008) berichtet über einen ungewöhnlichen Besuch junger Menschen in der Klinik Hohe Mark.
Ein Schulprojekt, das Schule machen sollte!
Ein Herbsttag 2008, die 26 Schüler der 9. Klasse der Willigis-Realschule Mainz scharen sich mit ihren beiden Lehrern im Park der Klinik Hohen Mark um Gottfried Cramer, Referent für Öffentlichkeitsarbeit der Klinik. „Wo seid Ihr hier? Wie sieht es hier aus?“, fragt er in die Runde. Die Antworten: „Wie in einer Jugendherberge…, wie in einem Hotel…, wie in einem Schloss“.
Sucht in der Schule
Die Hohe Mark steht für das Oberurseler Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und psychosomatische Erkrankungen, und damit wird klar, worum es an diesem Projekttag geht: um das Thema psychisch kranker Menschen, um Stigmatisierung und Suchtprävention. Seit drei Jahren kommen nun schon die 8./ 9. Schulklassen der Willigis – Realschule Mainz im Rahmen eines Projekttages zur Suchtprävention in die Klinik Hohe Mark.
Meldungen darüber, dass das Einstiegsalter für Drogen weiter sinkt, haben Eltern und Lehrer im Jahr 2004 alarmiert, und diese ungewöhnliche Partnerschaft zur Klinik Hohe Mark zustande gebracht.
Seitdem bereiten sich die Schüler im Fach Biologie zum Thema Drogen und im Fach Religion zum Thema Konsum und Sucht auf den Projekttag zur Suchtprävention vor.
Das Stigma "psychisch krank“
Gottfried Cramer hat ein Anliegen: Die Jugendlichen sollen angesprochen und sensibilisiert werden für ein Thema, das in unserer Gesellschaft noch tabu oder mit Stigmatisierung behaftet ist.
Die Jugendlichen kommen unvoreingenommen und unkompliziert. Darin sieht der Öffentlichkeitsbeauftragte eine Chance anzusetzen, und mit Vorurteilen gegenüber psychisch Kranken aufzuräumen und gleichzeitig die Gefahren aufzuzeigen selbst z.B. durch Sucht zum Betroffenen zu werden.
Gefühle machen krank, wenn sie aus der Bahn laufen. Das kann passieren, man darf krank werden, so Cramers einfache Beschreibung für das, was sich hinter der Komplexität einer psychischen Erkrankung verbirgt.
Das Beispiel zweier Patienten
Zwei betroffene Suchtpatienten haben sich bereit erklärt und zeigen den Mut, vor der Klasse zu sprechen und Fragen zu beantworten. Dr. Seehuber, Chefarzt der Abteilung Sozialpsychiatrie und Suchtmedizin der Klinik Hohe Mark, führt das ungewöhnlich offene Gespräch.
Auf die Frage, was das Wort Psychiatrie in ihnen auslöst, zögern die Jugendlichen zunächst höflich, doch dann kommen Assoziationen wie Gefahr, Irre, Wahnsinn. Ein Patient gibt zu, Angst gehabt zu haben, nicht wieder aus der Psychiatrie herauszukommen.
Dann schildern die Patienten offen und eindringlich ihre Suchtbiographie. Dr. Seehuber arbeitet einfühlsam den Weg in die Droge, den Wendepunkt und den Weg aus der Drogenabhängigkeit der beiden Patienten heraus: Der Reiz des Verbotenen am Anfang der Sucht
Es kristallisiert sich bei beiden heraus, dass der Drogenkonsum mit dem Reiz des Verbotenen begann. Frank M. betrank sich zum ersten Mal mit 9 Jahren, von da an war für ihn klar, diesen Rausch will er haben. Für Olaf S. spielten die Drogen in den Medien eine Rolle, er wollte sich so zu den Prominenten zugehörig fühlen.
Drogen waren zunächst ein einfaches und interessantes Mittel, um durch den Konsum angenehme Gefühle zu erzeugen. Bei beiden trat dann eine schleichende Entwicklung ein, die durch das Zugehörigkeitsgefühl zu einer entsprechenden Clique flankiert wurde.
Damit ist man beim Thema, das Eltern und Lehrer der Willigis- Realschule bewog, diesen Projekttag einzurichten:
Drogen in der Schule - Suchtprävention als gesellschaftliche Aufgabe
Es beginnt bereits mit der Raucherecke in der Schule. Dr. Seehuber spricht Suchtprävention als gesellschaftliches Problem an, sollten weiche Drogen legalisiert werden, fragt er.
Beide Patienten sprechen sich für eine Legalisierung aus wegen der Kontrolle und der Reinheit der Droge. Denn der Süchtige findet immer seinen Stoff. Jedoch fördert die Verfügbarkeit von Suchtmitteln die Sucht, wohingegen die Verminderung der Verfügbarkeit eine Verminderung der Probleme nach sich zieht, hält Dr. Seehuber entgegen.
Tragische Folgen der Sucht
Die Schüler erfahren, dass Suchtgefährdung einerseits vererbt wird durch die Reaktionsbereitschaft auf die Droge und die Verträglichkeit. Sie hängt aber auch mit der persönlichen Entwicklung zusammen. Durch die Lebensgeschichten der beiden Patienten wird für die Schüler anschaulich, wie sich die Abhängigkeit unmerklich entwickelt, und wie schwer die Einsicht ist, selbst erkrankt zu sein. Olaf S. und Frank M. (Namen geändert) berichten, wie die Droge ihr Leben bestimmte, geben offen ihre alten Einstellungen als Fehler zu, beschreiben die schwere Zeit des Entzuges und zeigen den Jugendlichen damit die Konsequenzen des Drogenkonsums in seiner Tragik auf.
Das Leben muss neu gelernt werden
Interessiert und direkt sind dann auch die Fragen, die die Schüler an die Patienten stellen. Erstaunen löst die Antwort von Olaf S. aus, er habe 1500 € im Monat für die Beschaffung von Drogen ausgegeben.
Genau lassen sich die Jugendlichen den Entzug schildern, Panikattacken, Krämpfe, Verfolgungsgefühl. Es wird deutlich, dass die Patienten durch die Therapie ihr Leben neu lernen und sich ein neues Umfeld mit einem neuen Freundeskreis aufbauen müssen.
Da helfen Betreuer, Selbsthilfe-Gruppen oder wie bei Olaf S. die Familie. Die Sucht hinterlässt ein Loch, das Suchtgedächtnis arbeitet weiter, das macht die Suchtbewältigung nach dem Entzug so schwer. Die Abstinenz muss erlernt werden. Aber es kommen auch wieder Fähigkeiten heraus, die durch die Sucht verwahrlost und verschüttet waren.
Vom Schüler zum Patienten
Auf die Frage nach seiner Lieblingstherapie nennt Olaf S. die Lichttherapie mit Licht und Musik und die Bewegungstherapie, um den Körper kennen zu lernen.
Die Schüler quittieren den Mut der Patienten mit einem dankbaren Applaus und dürfen anschließend selbst in der Bewegungstherapie in die Rolle der Patienten schlüpfen.
In der Bewegungstherapie blüht die Klasse auf. Auf Rollbrettern sollen sich die Pärchen z.B. gegenseitig schieben, mal mit geschlossenen Augen, dann mit einer Schnur.
Jede Übung wird reflektiert und besprochen. Zusammenhalt, Absprache, Vertrauen, Verantwortung und Umgang mit Gefahr werden wie mit den Patienten geübt.
Mit Struktur gegen das innere Chaos
Nach dem Mittagessen schildert Gottfried Cramer ein paar Fakten zur Klinik Hohe Mark, die 1904 von Prof. Adolf Friedländer als Sanatorium für Nervenkranke errichtet wurde. Hinter der Anlage und der Behandlung steht damals wie heute die Philosophie Friedländers, dass ein geordnetes Äußeres, also die Struktur, bei innerem Chaos hilft.
Inneres Chaos - das ist, wenn die Seele überläuft, wenn die Gefühlsebene gestört ist. Cramer stellt den Jugendlichen direkt Fragen nach ihren Gefühlen, und auch den Schülern fällt das Antworten nicht immer leicht. Doch für Gefühle braucht man sich nicht schämen.
Mittlerweile weiß die medizinische Forschung auch viel mehr über biologische Zusammenhänge bei Störungen der Gefühlsebene. Hier können auch gezielt und hilfreich Medikamente eingesetzt werden.
Zahlen und Fakten
Jeder 3. bis 4. Europäer hat statistisch gesehen mindestens einmal in seinem Leben eine behandlungswürdige psychische Erkrankung. Meisten sind es Depressionen. Hier werden die schlimmen Folgen unbehandelter Depressionen oft unterschätzt.
So z. B. sterben in der Bundesrepublik mehr Menschen durch Suizid (9800) als durch Verkehrsunfälle (4900). Das zeigt, dass es sich bei psychischen Krankheiten um ein gesellschaftliches Tabuthema handelt, das viele betrifft.
Brisanz der Suchtprävention an Schulen
Deswegen ist dieser Projekttag zur Suchtprävention so wichtig und sollte Nachahmer finden. Denn die Lehrer, in der Schule mit Suchtproblemen und psychischen Erkrankungen konfrontiert, stoßen an die Grenzen der Pädagogik.
Sie können hier Informationen erhalten und Fragen stellen. Die Schüler werden darin bestärkt, Drogen zu vermeiden.
Menschen wie Du und Ich
Cramer kann mit diesem Tag zufrieden sein. Nach dem Tag in der Psychiatrie befragt, äußern die Jugendlichen ihr Mitgefühl für die Erkrankten statt Abgrenzung, waren erstaunt über die Offenheit, und darüber, dass da Menschen saßen, die aussahen, wie Du und Ich.
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