Elisabeth von Thüringen - Lebenswerk und Wirkung im Lichte des Buß- und Bettags 2008
Traditionelle Fachveranstaltung der Klinik Hohe Mark am Buß- und Bettag Abend zum 4. Mal
Im Nachgang zur Elisabeth-Ausstellung im August dieses Jahres, stand die Thüringer Adlige nochmals im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit des Oberurseler Krankenhauses für Psychiatrie und Psychotherapie.
Diesmal betrachtet der Referent, Dr. Jürgen Römer, Geschäftsführer „Elisabeth-Jahr 2007/8 der evangelischen Kirchen und Diakonischen Werke in Hessen“, das Leben der Elisabeth von Thüringen im Licht des Buß- und Bettages.
Es steht die Frage im Raum, ob ihr Wirken, über persönliche und auch widersprüchliche Facetten hinaus, Anspruch auf Gehör in der Diskussion zur Erneuerung diakonischen Handelns haben kann.
Hier einige Auszüge des Vortrages von Dr. Jürgen Römer
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ch danke Ihnen für die Einladung, hier in der Klinik Hohemark in Oberursel sprechen zu dürfen. Ich möchte Sie in der kommenden Dreiviertelstunde mit Elisabeth von Thüringen, dieser faszinierenden Heiligen, bekannt machen. Dabei soll uns auch beschäftigen, ob uns Elisabeth heute noch etwas zu sagen hat, zu Fragen, die uns alle mehr oder weniger betreffen. Am heutigen Tag, dem Buß- und Bettag, will ich dabei außerdem – als Nichttheologe durchaus laienhaaft – der Frage nach Bedeutung von „Buße“ für Elisabeth und für uns nachgehen .....
Buße
In den frühen Lebensbeschreibungen Elisabeths erscheint das Motiv der Buße durchaus häufig. Dieses Wort und seine Bedeutung sind heute vielen Menschen fremd. Daher zunächst ein paar Sätze darüber, was Buße eigentlich war und ist.
Ich möchte ein evangelisches Kirchenlexikon aus dem späten 19. Jahrhundert zitieren. Unter Buße habe man „die Sinnesänderung mit dem bitteren Beigeschmack der schmerzlichen Reue über das vergangene Leben“ zu verstehen. Eine umfassende Lebensänderung sei die Folge gewesen.
Dies äußerte sich schon in der Spätantike in verschiedenen Bußpraktiken: Fasten und Enthaltsamkeit sowie Missachtung des eigenen Körpers bis hin zur Selbstgeißelung in eher privaten Formen der Buße, geheime Bußstrafen durch den Priester bei geheimen Vergehen wie etwa dem Ehebruch, die manchmal Jahre langes Fasten als Bußstrafe zur Folge hatten, und öffentliche Bußen mit der Bitte um Vergebung, auf die in der Regel die Wiederaufnahme in die Gemeinde der Gläubigen erfolgte.
Die öffentliche Form verlor immer mehr an Bedeutung. Nun fand also die Buße im Privaten statt, entweder mit oder ohne Priester. Das Erkennen der eigenen Sünde, die Beichte und die Buße erscheinen dabei als zeitliche Abfolge. Im hohen und späten Mittelalter traf sich dies mit dem Ablasswesen. Nun konnte mit Frömmigkeitsleistungen die Wiederherstellung der Seelenreinheit für das Leben vor und nach dem Tod erreicht werden.
In der vorreformatorischen Zeit war es schließlich möglich, die Erlösung von den Sünden durch den Priester gegen Geld zu erkaufen. Dies wurde schnell formalisiert und zu einem großen Geschäft für die Bistümer und vor allem den Papst gemacht, denen die Einkünfte aus dem Ablasshandel zuflossen. Bis heute populär ist der Spruch: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“
Martin Luther mit seiner scharfen Kritik all dieser Praktiken stellte die Buße auf eine neue Grundlage. Nach dem Erschrecken der Seele über die eigene Verworfenheit folgte nun der Glaube an die Gnade Gottes, die auch ohne alle Verdienste die Sünden tilgt. Erst nach dieser zweistufigen Buße sollten die guten Werke der neuen Lebenseinstellung Ausdruck verleihen. Reue ohne Glauben führt zur Verzweiflung, Glauben ohne Reue, so könnte man sagen, in die Selbstgerechtigkeit.
Elisabeth von Thüringen empfand offenbar weite Teile ihres Lebens als Buße. Schon zu Lebzeiten Ludwigs ließ sie sich nachts wecken, um zu beten.
Ihre Hofdame Isentrud erzählte der Heiligsprechungskommission: „Sie dehnte auch ihr Beten so lange aus, dass sie oftmals auf dem Teppich vor dem Bett einschlief. Als ihr deswegen von ihren Dienerinnen Vorwürfe gemacht wurden, warum sie nicht gerne bei ihrem Mann schlief, antwortete sie: ‚Wenn ich auch nicht immer beten kann, so möchte ich meinem Fleisch doch diese Gewalt antun, dass ich mich von meinem heißgeliebten Mann losreiße.’ Sie erhob sich von der Seite ihre Mannes und ließ sich von ihren Dienerinnen in einer abgelegenen Kammer heftig geißeln.“ Sie trug ein so genanntes Bußhemd aus hartem, rauem Stoff auf der bloßen Haut unter den prächtigen Gewändern, die ihr die höfische Etikette vorschrieb und quälte ihren Körper mit Schlafentzug, häufigem Niederknien, Schlägen und Fasten.
Magister Konrad hatte sie dazu gebracht, alles Weltliche zu verachten. Aus ihrer Marburger Zeit im Hospital stammt das folgende Zitat: „Der Herr hat mein Bitten erhört, denn siehe, allen weltlichen Besitz, der mir einst lieb war, erachte ich jetzt für Unrat. […] Auch habe ich Freude an Veleumdungen, Beleidigungen und Geringschätzung meiner Person. Ich liebe nichts als Gott ganz allein.“
Ob sie diese Worte wirklich ausgesprochen hat, sei dahingestellt, sie passen aber zu allem anderen, was wir über sie wissen. Die Liste dieser für uns eigenartig klingenden Verhaltensweisen ließe sich noch erheblich verlängern. Ich möchte nun zunächst nach Möglichkeiten Fragen, Elisabeth zu verstehen, um mich dann der Bedeutung zuzuwenden, die das für uns haben könnte .....
Für die Buße, um zum Ausgangspunkt zurück zu kehren, für UNSERE Buße bedeutet das wenige, das wir über Elisabeth und die Ausdrucksformen ihrer Frömmigkeit wissen, sicher nicht all zu viel.
Das mag ernüchternd klingen, aber wir leben nicht mehr im Mittelalter, und das ist gut und richtig so. Jahrhunderte europäischer Aufklärungsgeschichte lassen sich nicht zurückdrehen. Wir glauben heute nicht mehr so wie unsere Vorfahren vor acht Jahrhunderten.
Es ist ein enormer Fortschritt gewesen, dass uns Martin Luther die Rechtfertigung durch drei Dinge, und nur diese drei Dinge dargelegt hat: sola fide, sola gratia, sola scriptura, durch den Glauben, die Gnade und die Heilige Schrift. Das befreit uns von Leistungsfrömmigkeit, die beim guten Werk eben immer auch auf das eigene Seelenheil schielt.
Wer von uns hätte bei einer „guten Tat“ nicht schon einmal still bei sich gedacht: „Na ja, vielleicht nützt es nichts, aber es schadet mir bestimmt auch nicht.“ Dabei ist es so einfach: Gute Werke und die eigene Rettung haben nichts miteinander zu tun.
Wenn wir unsere guten Werke, zum Beispiel in der Betreuung von Kranken, tun, dann tun wir sie, recht verstanden, nicht für uns, sondern aus der Liebe Gottes, die uns zur Liebe zu den Menschen befähigt. Das erlaubt es uns natürlich nicht, auf die Buße zu verzichten, denn wir alle irren ständig von dem Weg ab, den Gott uns anbietet.
Innehalten, über sich und die eigenen Fehler nachdenken, sich die eigenen Verfehlungen klar machen, ohne sich vor sich selbst damit zu erniedrigen, bereuen, büßen und mit Gottes Gnade und Liebe den Weg finden, das wird uns nicht nur nicht schaden, das wird uns wirklich weiterhelfen.
Jeder suche und finde seine eigenen Formen der Buße, aber niemand versuche, dabei etwas zu leisten. Wir können Gott nicht mit Gebeten oder frommen Werken bestechen. Zur Reue und Buße bedarf es eines großen und starken Glaubens, den wir nicht haben.
Elisabeth in ihrem unbedingten, unerschütterlichen und festen Glauben kann uns da ein Vorbild sein. Auch als evangelischer Christ kann ich sehr wohl erkennen, dass es die Liebe Gottes zu den Menschen ist, die in ihr wirkt. Das gilt es festzuhalten. So kann Elisabeth uns noch heute unmittelbar ansprechen. Wir müssen nur die Ohren und die Herzen öffnen!
Den vollständigen Vortrag (ohne die hier aufgeführten Gedanken zur Buße) finden Sie hier: ->
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