Scham, Schuld und illusionäre Wiedergutmachung. Versuch einer psychoanalytischen Lektüre von Dostojewkis „Schuld und Sühne“.
Mittwoch, 17. März 2009, 19:30 - 21:00 Uhr, Kirchsaal Klinik Hohe Mark
Adrian Gaertner (Vortrag), (Elfi Orth, Lesung)
Versuch einer psychoanalytischen Lektüre von Dostojewkis „Schuld und Sühne“
Der große Roman Dostojewskis, 1866 erschienen, gehört zweifellos zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur; und das nicht zu Unrecht. Wie kaum ein anderer Autor des 19. Jahrhunderts hat er nicht nur die sozialen Umstände, sondern vor allem auch die Psychologie seiner Figuren ausgearbeitet. Lange vor Freud hat er Erkenntnisse der Psychoanalyse über Entstehung und Dynamik psychischer Erkrankungen, über die Rolle unbewusster Wünsche und Strebungen und die Bedeutung der Träume und Tagträume vorweggenommen.
In „Schuld und Sühne“ verfängt sich der Protagonist Raskolnikow, ein überaus begabter Student, in den Paradoxien unbewusster Strebungen. Napoleonische Größenvorstellungen wechseln sich ab mit äußerster Niedergeschlagenheit und krankhafter Verzweiflung. In diesem Zustand gedeihen Tagträume von einer unerhörten Tat, die die Spaltung überwinden könnte. Allmählich werden die inneren Bilder immer drängender, verschlimmern den psychischen Zustand, führen zu sozialer Isolation und schließlich zu den Morden an der Pfandleiherin und ihrer Schwester. Aber anstatt die innere Zerrissenheit zu überwinden, indem sie Raskolnikow zu einem „außergewöhnlichen Menschen“ macht, führt die Tat ihn immer tiefer in die schizoide Hölle.
Lesung und Vortrag sind ein Versuch, sich zu den Lebensthemen und -Krisen, die in dem Roman gestaltet sind, in Beziehung zu setzen und damit einer psychoanalytischen Perspektive zugänglich zu machen.
Prof. Dr. Adrian Gaertner, Hochschullehrer, Psychoanalytiker und Supervisor mit eigener Praxis in Oberursel hat sich in Forschung und Lehre im Wesentlichen mit der Untersuchung von Beratungsprozessen, mit der Erforschung von Schwangerschaft und Frühentwicklung und mit der Analyse von Kunstwerken (Baudelaire, Goya, Segantini etc., sowie von kulturellen Entwicklungen beschäftigt. Zu diesen Bereichen hat er zahlreiche Publikationen verfasst."












